Sonntag, 19. April 2026 Reise nach Hualien

Meine erste Zugfahrt in Taiwan steht mir bevor. Natürlich bin ich ein bisschen aufgeregt und gehe sicherheitshalber mal etwas zu früh los. Die Rezeption bei mir ist noch nicht besetzt, also lasse ich einfach den Schlüssel da und mache mich auf dem Weg. Die Straßen sind noch leer aber in der MRT ist schon eine Menge los. Ich brauche nur eine Station bis zum Hauptbahnhof, hier gilt es jetzt, den Weg zur Eisenbahn zu finden. 



Endlose Wege bis zu meinem Waggon






Ich hatte mir das in der riesigen Anlage schwieriger vorgestellt, aber wenn man genau hinsieht, ist es ganz gut ausgeschildert. Die Tickets hatte ich vorher schon online gekauft und so stand ich viel zu früh auf Gleis vier und wartete auf den Zug. Ich sitze im Waggon 1 auf Platz 7 und an der Stelle, wo ich interessiert auf den Fahrplan Anzeiger schaue ist laut Wagenstandsanzeiger der Waggon mit der Nummer 11. Also muss ich nur 10 Waggons weiter in Richtung Horizont laufen…

Züge hier sind alle sehr lang. 

Als ich dann einsteige, muss ich feststellen, dass der Wagen fast komplett besetzt ist. Ich bin nicht der einzige Frühaufsteher hier.





Der Zug ist modern und auch die Schienen scheinen recht neu zu sein. Der Zug gleitet ruhig, ohne das gewohnte rattern, durch die Natur. Wenn man aus dem Fenster schaut, ist es entweder grün oder schwarz. Grün ist die Natur und schwarz sind die vielen, manchmal extrem langen Tunnel, durch die wir fahren. 


Links war ab und zu das Meer zu sehen und rechts Wälder und Berge. Die Zeit (2 1/2 Stunden) ging schnell rum bis wir dann in den Bahnhof von Hualien einfuhren. 



Der Zug fuhr dann pünktlich in den Bahnhof von Hualien ein. Jetzt hieß es erst mal eine Entscheidung zu fällen: fahre ich mit dem Bus zu meiner Unterkunft oder miete ich mir ein Fahrrad und fahre damit. Ein normales Fahrrad kostet 6,50 € am Tag, ein E-Bike, das Doppelte. Es ist sicherlich praktisch so ein Fahrrad zu haben, vor allem, weil der Reiseführer zu berichten wusste, dass hier der Nahverkehr nicht so sehr ausgeprägt ist. Ich überleg dir hin und her, aber dann wurde mir die Entscheidung abgenommen: es fing an, zu regnen.


Ich kann leider nicht sofort einchecken, daher lass ich mein Gepäck im Hotel und gehe ein bisschen spazieren, um die Gegend zu erkunden. Ich hatte die Gegend ausgesucht, weil ich mir gewünscht hatte, hier vielleicht mal ein oder anderthalb Tage am Strand zu verbringen, aber das Wetter ist nicht so recht danach. Es ist warm, aber stark bewölkt und vorhin hatte es ja auch mal kurz geregnet, das mag so zum Spazierengehen okay sein, aber für den Strand ist das nicht so das Wahre. 









In der Gegend, wo ich wohne, ist so ziemlich der Hund verfroren. Das kann aber auch daran liegen, dass heute Sonntag ist. Einziges Highlight hier ist der Nachtmarkt, der aber auch erst heute Nachmittag aufmacht. Ansonsten ist Hualien eine eher ruhige Stadt. Der Verkehr ist relativ dünn. Und von der Hektik, die man in Taipeh erlebt hat, ist hier nichts zu spüren.

Nicht weit von meiner Unterkunft ist ein taoistischer Tempel. Er ist teilweise schon etwas verfallen, aber man kann innen drin noch hochgehen bis ins oberste Stockwerk. Auf jeder Etage sind jeweils andere Altäre. Für mich das 1. Mal, dass ich in so einem Tempel drin war. 










Dann geh ich in das Hotel, um einzuchecken. Das Haus selber ist ziemlich neu und sieht sehr ordentlich aus. Man muss unten schon die Schuhe ausziehen und es hängen mehrere Schilder, dass man ab 22:00 Uhr leise sein sollte und auch seine Stimme etwas senken sollte. Ich hatte schon in den Bewertungen der Hotels davon gehört, dass man hier sehr hellhörig baut. Deshalb habe ich diese Schilder durchaus begrüßt.


Ich habe hier ein Vierer-Zimmer. Etwas anderes war nicht zu bekommen aber natürlich wohne ich dann nur alleine drin. Ich hatte schon auf den Fotos gesehen, dass es mit Etagenbetten ausgestattet ist. 

Als ich dann reinkam erlebte ich eine Überraschung. Ja, es waren Etagenbetten, aber sehr geräumig. Ich denke jedes der Betten hätte man zu zweit benutzen können. Der Raum ist hell und freundlich hat eine top moderne Klimaanlage, Fernseher, Kühlschrank und alle möglichen Kleinigkeiten vom Wasserkocher über den Föhn bis hin zu einem beleuchteten Schminkspiegel. 





Mit vier Mann ist der Raum vielleicht etwas eng, aber für eine Person ist da super viel Platz. Die Dusche wäre theoretisch groß genug gewesen für vier Leute. Man kann darin spazieren gehen! Natürlich ist auch das Badezimmer sehr neu und hat insgesamt viel Platz. Kann man das noch toppen? Klar: ich habe eine kleine Terrasse. Fazit: die Lage zum Strand ist super, die zur Innenstadt nicht ganz so. Aber die Ausstattung ist klasse!


Ich bin dann noch mal losgezogen, um die Gegend zu erkunden. Der Nachtmarkt ist wie gesagt in 500 m Entfernung und der nächste Supermarkt ist auch da ganz in der Nähe. An den Straßenbäumen hier sind oft kleine Säckchen mit Erde befestigt. Daraus wachsen dann Orchideen. Eine sehr kreative Idee!




Wenn man Richtung Fluss geht, kommt man an einer großen Sporthalle vorbei, das ist eine Anlage für Skater. Hier sind viele Kinder, die entweder mit Rollschuhen oder Skateboards oder auch mit Fahrrädern versuchen, diesen Parkour zu meistern.






Ich bin dann weiter gegangen zu einem alten Militärgebäude. Es wurde von den Japanern benutzt, die sich hier gestärkt und mental vorbereitet haben auf eine Kamikazeaktion. Ein Zeitzeuge aus einer dunklen Zeit. In der Zeit hat es in Taiwan vier von diesen Kamikaze Units gegeben. Das Motto war ein Mann, ein Flugzeug, eine Bombe gegen ein Kriegsschiff. Die Piloten waren immer nur zwei oder drei Tage hier und haben alle dann hier ihre letzte Nacht verbracht bevor sie ihre Pflicht getan haben.








Wunschwand




Aus einer Informationsbroschüre habe ich folgendes erfahren: in 2011 ist der 83-jährige Masataka Dolhara nach Hualien gekommen. Er hat einen solchen Einsatz schwer verletzt überlebt und wollte den Ort noch einmal sehen. Sein Sohn begleitete ihn und mühevoll erklomm er den zweiten Stock des Gebäudes. Dort stand er dann und sagte: ja, das ist es. Hier habe ich gestanden und den riesigen Ozean beobachtet.


In 2018 ist der Japaner Hiroshi Sakatbara mit der Asche seines hier verunglückten Bruders auch hier im Pine Garden erschienen. Er wollte seinen Bruder an den Platz zurückbringen, wo er zum letzten Mal lebendig gesehen wurde.


In Japan gibt es die Sage, dass die verunglückten gestorbenen Ika ze Piloten Kamikazepiloten nach ihrem Tod als weiße Schmetterlinge wieder zu ihren Müttern und zu den Menschen die sie lieben, zurückkehren. Sie wachen über diese Menschen und über ihr Heimatland. Und immer, wenn die Nachfahren einen weißen Schmetterling sehen denken Sie an die, die im Krieg gestorben sind.


Das Gebäude liegt in einem Park, der sich Piniengarten nennt. Ja, es ist nicht zu leugnen hier sind viele Pinien. Der Park ist wohl dafür bekannt, dass sich hier an den Bäumen viele verschiedene Käfer aufhalten. Leider halten sich hier auch so genannte schwarze Mücken auf. Von denen hatte ich im Internet schon gelesen, das sind winzig kleine Viecher, man kann sie kaum auf der Haut sehen, sie  beißen und stechen aber genauso wie ihre großen Verwandten. Nur, dass es mehr sind.


Die Pinien sind aus Okinawa importiert worden und sie sind teilweise schon über 100 Jahre alt, einigen sieben das auch deutlich an, sie sind mit schweren Metallstangen abgestützt. Das liegt auch dran, dass sie in den letzten 30,Jahren mehrere Baumkrankheiten hatten und dann auch noch massiven Termitenbefall.

Das alte Militärgebäude wird heute als Verkaufsraum für Souvenirs  und als winzig kleines Museum genutzt. Hier wird auch erklärt, dass jedes Stück Holz, das hier verbaut worden ist, eine Nummer hat. So kann im Falle, dass es zum Beispiel durch Termiten zerstört worden ist, ein Original passendes Ersatzteil besorgt werden. Auffällig ist auch das aufwändige Dach mit einem Dachfenster, dass man öffnen kann.

Ansonsten werden nur einige alte Möbel ausgestellt. Weiter hinten im Garten ist noch ein kleiner bombensicherer Bunker unter der Erde und die niedrige Deckenhöhe lässt vermuten, dass sich hier Japaner versteckt haben. 😂


Der Ort war für die Bewohner hier immer ein sehr dunkler Ort, deshalb hat man sich überlegt, wie man das in etwas Positives drehen könnte. Künstler haben eine Wunschwand kreiert, wo Leute auf durchsichtige Plastikteilen ihre Wünsche schreiben konnten, um damit den Schatten von dem Gelände zu entfernen. 

Die durchsichtigen Plastikteile waren deshalb wichtig, damit die Pflanzen, die sich dahinter an der Hauswand entlang ranken, immer noch genug Licht und Luft bekommen.






Der Nachtmarkt ist riesig groß und besteht aus 7 oder 8 langen Straßen. Hier gibt es Speisen, Getränke, Souvenirs, irgendwelches kleines Zeug wie Socken und Ähnliches und auch einzelne Geschicklichkeitsspiele, bei denen man was gewinnen kann. Meistens gewinnt allerdings der Veranstalter. 

Das Angebot ist wirklich sehr verlockend mit dem einzigen Nachteil, dass hier, abseits der Großstadt Taipeh überhaupt nichts mehr auf Englisch übersetzt wird. Hier ist alles nur noch Chinesisch und entweder muss ich meine ganze Batteriekapazität für Google Lens und die Übersetzungsfunktion opfern oder ich muss irgendwann mal auf irgendetwas zeigen und sagen: das will ich jetzt essen.

Interessante Gerichte!






Boneless chicken mit sticky rice



Und so kam es dann auch. Ich kam an einem Stand vorbei, wo sie Steaks verkauften und eine Gruppe Leute kamen heraus, und der erste sagt zu mir: Du solltest da reingehen, die Steaks sind wirklich gut und dann irgendwie an vierter oder fünfter Stelle kam eine Frau, die sagte „ausgezeichnetes Steaks“! Diese Art von Werbung spricht mich durchaus an. Mein Abendessen war gerettet.

Aber auf einem Bein kann man ja bekanntlich nicht stehen. Als ich danach weiter über diesen riesigen Markt gegangen bin, bin ich an einem Stand vorbeigekommen, der hat gegrillte Hühnerschenkel verkauft, denen ein geschickter Chirurg den Knochen raus operiert hatte und dafür hatte man da Klebereis reingetan. Wenn man nun auf die Frage, ob man das gerne etwas schärfer hätte mit „Ja“ beantwortet, tut die Verkäuferin da noch ein paar kleine Chilis rein. Das Ganze ist nicht viel, dafür aber ausgesprochen lecker. Abend gerettet!


Hualien ist mit 100.000 Einwohnern vergleichbar mit Schwerin oder Siegen. Früher hieß die Stadt Kilai, der Name wurde aber nach der japanischen Besetzung geändert, weil das Wort in der japanischen Sprache Abscheu / Hass / Ekel bedeutet. Die Stadt ist ein wichtiger Knotenpunkt mit der guten Anbindung an Straßen und Schiene sowie mit dem wichtigen Hafen. Hualien hat sogar einen kleinen Flughafen.

Kommentare

  1. Ich habe immer gedacht, dass die Einrichtungen der taiwanesischen Homestays von hoher Qualität sind.

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