Donnerstag, 30. April Taichung
Die zweitgrößte Stadt im Lande ist mit 2,8 Millionen Einwohnern Taichung. Hier herrscht das angenehmste Klima in Taiwan. Es gibt hier 11 Universitäten und hier ist auch die größte Fahrradindustrie der Welt (z.B. GIANT) ansässig. Neben der Blume, die sich viele chinesische Städte als Symbol aussuchen (Blüte der Taiwan-Kirsche) gibt es hier auch einen Vogel, die Weißohrtimalie, einen heimischen Singvogel. Außerdem ist die Stadt für seine Teehäuser und seine Sonnenkekse bekannt.
| Taiwan-Kirsche |
| Weißohrvogel |
Heute beim Frühstück habe ich dann doch mal die Nudeln probiert, es gab sehr feine Glasnudeln und auch etwas dickere Nudeln, beide mit sehr fein geschnittenem Gemüse. Eigentlich lecker, aber leider waren sie kalt.
Kalte Nudeln zum Frühstück, nicht mein Traum.
Als ich dann in Richtung Bahnhof gehen wollte: Regen. Auch das war kein guter Start in den Tag. Aber dann fiel mir ein: hey, ich habe ja einen Regenschirm. Und der hat mich wirklich davor bewahrt, nass zu werden. Man läuft 25 Minuten bis zum Bahnhof aber mit Regenschirm ging es dann.
Mit gewohnter Präzision und Gemütlichkeit hat mich der Zug dann nach Taichung gebracht. Im Zug war es natürlich wieder ziemlich kalt, aber als ich dann ausgestiegen bin, merkte ich, so sehr viel wärmer war es draußen auch nicht. Vielleicht so gefühlt 22 oder 23°, viel mehr war das nicht.
Sehr angenehm!
Die Stadt selber präsentierte sich anders, als ich erwartet habe. Ich hatte eigentlich gedacht, so etwas vorzufinden wie in Kaohsiung, aber hier ist es alles irgendwie kleiner und auch etwas grauer, um nicht schmutziger zu sagen. Die Häuser hier (außer dem Bahnhof) sind alle deutlich älter und wirken heruntergekommen.
| Der alte Bahnhof |
Ich empfinde die Stadt auch als sehr laut, da ist natürlich der Verkehr, aber was auch sehr nervig ist, dass die Blinker der Busse unglaublich laut sind.
Ja, ich wiederhole das, weil das vielleicht unverständlich ist: die Blinker der Busse sind laut.
Sie piepen beim blinken und das hört man gut und gerne 100 m weit. Mir ist das immer auch schon beim Busfahren aufgefallen, dass das erschreckend laut ist. Wahrscheinlich irgendein Sicherheitsaspekt (toter Winkel?), der dahinter steckt. Und hier in Bahnhofsnähe sind viele Busse!
Mein Hotel hier in Taichung Jung heißt Huru-house. Das verleitet mich zu einem Wortspiel. Es heißt Huru-house und nicht Hurenhaus. Obwohl? Es erinnert ein bisschen an den Stundenhotel.
Das Hotel hatte mir eine Nachricht geschickt dass ich um 15:00 Uhr einchecken kann. Ich habe dann gefragt ob ich vielleicht früher einchecken könnte und sie haben geantwortet ja, aber ich müsste für jede Stunde die ich früher einchecken will, 200 $ bezahlen. Daher kam der Gedanke an ein Stundenhotel.
Aber damit tue ich dem Hotel unrecht. Es ist ziemlich modern und noch sehr neu, das Zimmer ist klein aber bietet inklusive einer elektrischen Toilette alles was das Herz begehrt. Also gebe ich hier mein Gepäck ab (das muss ich nicht stundenweise bezahlen) und mache mich auf zum Zhongxin Markt.
Bei den Temperaturen ist es sehr angenehm, durch die Stadt zu gehen, aber sie wird dabei auch nicht schöner. Von der Größe her ist sie mit Kaohsiung vergleichbar, aber vom Ambiente her auf keinen Fall. Aber dann fällt mir auf: die Stadt ist offensichtlich sehr viel älter als Kaohsiung, die ja erst von den Japanern so nach vorne gebracht worden ist. Klar, hier sind viele alte Häuser und alte Straßen und das wirkt ganz anders als in der fast schon sterilen Großstadt Kaohsiung.
Nach circa 40 Minuten komme ich an den Zhongxin Markt an, finde ihn aber nicht. Mit etwas Hilfe gehe ich durch eine dunkle Einfahrt und da ist er.
Oder auch nicht.
Es sind enge, dunkle Gassen, weil das Ganze in einer Art Halle ist. Es sind eingeschossige Häuser (also Erdgeschoss und ein Obergeschoss) und da drüber ist dann noch mal ein Dach, wo ein wenig Licht durchkommt. Unten sind überall Rolltore aber fast alle sind geschlossen.
Davor steht Sperrmüll (das kann man das nicht bezeichnen) und viel Schmutz. Ich dachte, vielleicht hat er noch nicht geöffnet, aber der ganze Schund, der hier rumsteht, ist auch lange nicht mehr angefasst worden.
Mitten in diesem Gewirr von kleinen Gassen ist tatsächlich ein Café, daher weiß ich nicht, ist in diesem Markt noch Leben oder ist er schon tot. Aber, wie auch immer: bleiben kann ich hier nicht.
Also greife ich zur Alternative: ich gehe zum National Taiwan Museum of fine arts.
Das Museum wiederum scheint neu zu sein und ist auch sehr groß. Es liegt in einem großzügigen Park und da stehen auch schon die ersten Statuen. Das wirkt vielversprechend, es scheint ein modernes Museum zu sein.
Auch von innen fällt es durch die Großzügigkeit auf. Direkt am Eingang gibt es einen großen Raum in dem eine Steinskulptur steht, ein Frauenakt.
Das hat mich spontan begeistert, weil der Kurator es wirklich toll verstanden hat, die Statue wirken zu lassen. Der Raum ist sehr groß und dunkelblau gestrichen und das einzige was in dem Raum ist, ist dieses Skulptur.
Und dadurch wirkt sie einfach großartig! Im nächsten Raum kam dann für mich die Ernüchterung: es waren Bilder wahrscheinlich zeitgenössischer Künstler und sie waren das, was ich ziemlich verächtlich „Ölschinken“ nenne.
Das ist eine Art Kunst, mit der ich eigentlich nichts anfangen kann. Ich wollte schon fast enttäuscht sein und ging durch einen dicken Vorhang in einen anderen Raum.
Hier fand ich eine Audio - Videoinstallation vor, die auf einem Videospiel basierte. Inhaltlich ging es um die Diskussion, dass es Leute gibt, die einen Krieg wollen und die auch kämpfen wollen und solche, die nicht kämpfen wollen.
| Battlefield |
Im richtigen Leben sind die Letzteren dann die Deserteure. Und hier wurde die Frage gestellt wie das denn in Videospielen ist.
Man nahm als Beispiel Battlefield, ein ziemlich bekannter Shooter. Und dann wurde in dem Video gezeigt wie ein Spieler seine Figur den Kriegsschauplatz verlassen ließ. Die Figur wurde unverzüglich von einem nicht sichtbaren Schützen erschossen.
Mit anderen Worten, in Videospielen kann man nicht desertieren. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass keine andere Figur diesen Deserteur erschossen hat, sondern die Maschine, was ja eigentlich noch erschreckender ist.
Es ist schwierig, diese Installation zu erklären, aber wenn man sie sieht, wird sie sehr intensiv.
Auf der unteren Etage des Museums geht es im Wesentlichen um ähnliche Videoinstallation oder auch Audioinstallation.
Eine sehr interessante war auch in einem komplett weiß gestrichenen Raum (auch der Boden war weiß, deshalb musste man die Schuhe ausziehen) und da drin waren verschiedene Lautsprecher, man hatte aber auch Kopfhörer auf und einen kleinen Kasten um den Hals mit einem Potentiometer.
Eine Erklärung gab es nicht.
Aber die Geräusche die man jetzt hörte waren sehr diffus man wusste auch nicht, ob sie aus dem Kopfhörer kommen oder von den installierten Lautsprechern. Man wusste auch nicht, ob sich die Geräusche verändern, weil man sich bewegt. Man konnte an den Potentmeter drehen aber auch da war nicht durchgängig klar: ändert sich etwas weil ich an den Potentiometer gedreht habe oder weil ich mich bewegt habe oder einfach so. Auch hier: schwierig zu erklären, aber auch wenn man in dem Raum ist ist es sehr verwirrend.
Eine andere, sehr große Installation war noch verrückter. Sie bestand aus Stativen, auf denen drei Objekte befestigt waren, die wie Waffen aussahen und auch so funktionierten, es gab weiterhin einen Hammer, der auf einen kleinen Klotz schlug und eine Pfanne, die auch einen anderen Klotz schlug.
Und dann gab es noch ein riesiges Förderband, dass bis hoch in den ersten Stock des Museums reicht. Ein Computer steuerte das Ganze nach dem Zufallsprinzip und man wusste nicht, was wann geschieht.
Entweder feuerte eine dieser Pistolen einen Schuss ab oder der Hammer schlug auf den Klotz oder eben die Pfanne oder das Förderband setzte sich ratternd in Betrieb. Nochmal: Man kann so etwas echt nicht erklären, aber ich fand es sehr spannend
Eine andere Videoinstallation mit Audio konnte ich teilweise mit einem Game-Controller steuern, und auch da passierten viele unvorhergesehene Dinge.
Völlig verrückt war auch ein großer, kreisrunder Raum, in dem Videos an die Wände und an den Boden projiziert wurden.
| Der Boden war speziell dafür präpariert wurden und auch hier ging man nur barfuß drüber. Die Installationen auf dem Boden bewegten sich einmal in der Fläche, dann aber auch so, als ob sie auf sich bewegendes Wasser projiziert werden, d.h. sie bewegten sich dann auch noch so wellenförmig. |
Das gab auf dem Boden eine sehr große Unruhe und da sich die Bilder an der Wand teilweise in eine andere Richtung bewegten musste man ein bisschen auf das Gleichgewicht achten. Dazu der Sound mit ziemlich tiefen Bässen, der auch aus unterschiedlichen Richtungen kam. Das war ein sehr unwirklicher Raum.
All diese Objekte kamen aus einer digitalen Welt und das hatte man zum Anlass genommen, eine Dokumentation über Beschädigungen von Untersee-Internetkabeln zu machen. Es hat offensichtlich Unfälle gegeben, verursacht von Schiffen, die ihren Anker über den Grund haben schleifen lassen, aber weitaus mehr sind die Fälle wo man sich sicher ist, dass es um Sabotage ging. Diese Kabel sind heute eine Achilles-Ferse, weil hier natürlich der Informationsfluss gefährlich gestört werden kann. Hier gab es eine Weltkarte wo die verschiedenen Kabelabbrüche verzeichnet waren und auch die Kabel nach Taiwan waren betroffen. Wenn wir dabei an die Untersee Pipeline in der Ostsee denken, haben wir eine Vorstellung davon, wie gefährlich sowas werden kann.
Abgesehen davon, dass solche Kunst total schwierig zu beschreiben und natürlich die Sichtweise auch subjektiv ist, kann ich sie auch nicht alle beschreiben.
Ich war über 3 Stunden in dem Museum, das will schon was heißen. Vielleicht noch eine Sache: auch mit virtueller Realität wurde experimentiert und da habe ich eine interessante Präsentation über die steigende Hochwassergefahr durch Flussbegradigung etc. gesehen. Ein ernstes Thema ist hier sehr kreativ aufgenommen und umgesetzt worden.
Und dann habe ich noch eine interessante Dokumentation gefunden: sie bezog sich auf die Eingangs von mir beschriebene Statue, die in dem großen blauen Raum gestanden hat.
Ein nach Amerika ausgewanderter sehr reicher Kunstsammler hat viele Kunstwerke in seinen Besitz gebracht, darunter auch diese Statue.
Er hat zu seinem Sohn gesagt, wenn die Zeiten in Taiwan einmal besser werden sollten, sollen diese ganzen Kunstwerke wieder in das Land zurückkehren. Er ist dann gestorben und der Sohn hat das Erbe übernommen und er hat gesagt, er weiß nicht, ob Taiwan ein besserer Ort geworden ist, aber wenn er die Kunstwerke zurückgibt, wird es ein besserer Ort sein. Und hat viele Bilder und auch diese Statue dem Museum geschenkt!
Das war wirklich eine tolle Ausstellung. Sehr modern, in einem beeindruckenden Ambiente und ein paar recht einmalige Werke. Ich glaube zwar nicht, dass das repräsentativ für die taiwanesische Kunstszene ist, aber es war eine hochinteressante Facette davon. Solche Ausstellungen schaue ich mir gerne an.
Es sieht so aus, als sei Taichung im Niedergang.
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